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"Patch-it" Der Patchworkladen in der Spandauer Neustadt

Im März 2014 erschien eine neue Broschüre, in der Mariola Boensch einen inspirierenden Blick auf die Neustädter Geschäftswelt wirft und 10 Unternehmerinnen und Unternehmer aus der Spandauer Neustadt portraitiert (wir berichteten »hier). Als kleinen Einblick in die Broschüre gibt es hier nun einen Textauszug von Mariola Boensch:

Patch-it: Im Gespräch mit der Geschäftsinhaberin Christiane Dabrowski

Christiane Dabrowski ist gelernte Schneiderin. Ihren Patchwork-Laden, in dem sie sowohl Patchworkstoffe und –zubehör verkauft, als auch Workshops anbietet, hat sie bereits seit fünf Jahren. Vier von diesen fünf Jahren ist sie in Spandau ansässig. „Ich bin sehr glücklich darüber, hier in der Spandauer Neustadt zu sein“ erzählt sie. Auf die Frage, wie sie auf die Idee gekommen sei, ausgerechnet hier einen Laden zu eröffnen, sagt sie lachend: „Das kann ich ihnen gerne sagen. Meine Schwiegereltern hatten 30 Jahre lang diesen Laden. Das war mal früher ein Blumenladen. Dann haben andere Leute den übernommen und irgendwann fuhr mein Mann zufällig hier vorbei und hat gesehen, dass der Laden wieder leer ist. Und da ich wusste, wie sein Grundriss war – ich brauchte dringend Kursräume und die Räume hinten waren ja sonst immer Lagerraum – war der Laden perfekt für uns. So haben wir den Laden wieder bekommen und so ist es auch wieder ein Dabrowski-Geschäft“.

Bevor sie nach Spandau kam, hatte sie einen kleinen Laden in Falkensee. Von dort konnte sie nicht alle Kunden mit nach Spandau nehmen. „Manche wollen einfach nicht nach Berlin fahren, dabei ist es gar nicht weit weg, nur acht Kilometer. Aber dafür haben wir sehr viele neue Kunden dazu gewonnen“ erklärt sie. „Der Laden ist auch viel günstiger gelegen, als der alte in Falkensee. Hier fährt ein Bus vorbei und es gibt auch Laufkundschaft. Das hatte ich vorher nicht“.

Obwohl sie eine Ausbildung zur Schneiderin gemacht hat, war sie selbst nie in diesem Beruf tätig: „Im Prinzip habe ich nur für meine Kinder genäht. So lange ich aber denken kann, habe ich Stoffe gesammelt. Ich war eine richtige Stoffsammlerin und habe neben vielen anderen Sachen immer kleine Kosmetiktaschen genäht“ lacht sie. Zudem war sie sieben Jahre im Druckgewerbe tätig. „Das hat mir sehr geholfen. Die ganzen Stücke stets passend zurechtzulegen, ist auch eine Kunst für sich und die betreibe ich jetzt weiter in meinem eigenen Geschäft“ erklärt sie. „Ich bin sehr glücklich darüber, mein eigener Chef sein zu können und meine Kunden sind für mich pure Inspirationsquelle“.

Das beruht wohl auch auf Gegenseitigkeit, denn ihre nähinteressierte und –begeisterte Kundschaft kommt zu ihr von überall her: sowohl aus vielen anderen Berliner Bezirken, als auch aus Neubrandenburg, Wien, Dänemark, Schweden etc.. Kunden, die größere Entfernungen auf sich nehmen, kennen den Laden vor allen Dingen aus dem Internet. Erstaunt frage ich nach, warum das so ist. Es wird doch auch in Dänemark oder Wien Patchwork-Läden oder eine Patchwork Community geben?

„Ja, natürlich“ erklärt mir Frau Dabrowski, „aber jeder hat ein anderes Angebot. Ein völlig anderes Stoffsortiment und ganz andere Ideen. Das sage ich allen meinen Kunden. Egal wo ihr seid, geht in einen anderen Laden. Jeder Laden bietet etwas anderes an. Jeder Laden hat sich auf etwas anderes spezialisiert. Ich kann nicht das gesamte Angebot offerieren. Das geht nicht. Kinderstoffe, Tildastoffe das findet man bspw. bei mir nicht. Es ist wichtig, dass man selbst und auch der Kunde weiß, wo es was gibt“.

Frau Dabrowski spezialisiert sich selbst auf Taschenzubehör. Das Sortiment hierfür wird fortlaufend erweitert: von japanischen Stoffen, über Batikstoffe, bis hin zu allen Farben und Mustern, Reißverschlüssen, Henkeln, Knöpfen usw. ist sie sehr gut sortiert.

Die Kunden können die Stoffe bei ihr kaufen oder auch selbst mitbringen, sofern sie an einem Kurs teilnehmen wollen. Ein Kurs kostet bei ihr 4 Euro pro Stunde. Die Kurslänge liegt in der Regel bei vier oder sechs Stunden. „Die meisten Kunden haben eine lange Anreise, im Schnitt etwa eine Stunde, und da kann ich nicht nach zwei Stunden sagen: So, jetzt einpacken! Bis nächste Woche! Die Benzinkosten bzw. Anreisekosten mit Bus, Bahn oder Flugzeug kommen da ja auch noch hinzu. Vier Stunden sind somit das Minimum. Es gibt auch Kunden, die viel länger bei mir bleiben wollen. Die buchen dann zehn Stunden am Stück. Da fangen wir um 10:00 Uhr an und enden um 20:00 Uhr – und die Zeit, die vergeht wie im Fluge“.

Ihre Arbeit wird ergänzt durch vier andere Kursleiterinnen, die die Kunden bei all ihren Ideen begleiten, egal, ob es sich dabei um Quilts, Püppchen, Taschen, Küchenschürzen oder anderes handelt. Wichtig ist Christiane Dabrowski vor allen Dingen, dass ihre Kunden die Kursgebühren auch bezahlen können. „Es hat ja nicht jeder so viel Geld. Bei 4 Euro pro Stunde überlegt man nicht so lange, ob man teilnehmen möchte. Es ist ein Hobby, und soll es auch bleiben. Wir wollen unser Wissen weiter vermitteln, dem Kunden etwas Neues zeigen. Er soll sich bei uns Tipps und Tricks holen können. So lange wir die Kursgebühr halten können, versuchen wir es auch und der Kunde nimmt nach einem vier Stunden langen Kurs immer etwas mit“.

Auf die Frage, ob sie manchmal Probleme hat, sich in dieser etwas schwierigeren Gegend über Wasser zu halten, antwortet sie lachend: „Ich bin glücklich“. Das Argument, dass Menschen sich nicht trauen, in dieser Gegend einen eigenen Laden zu eröffnen, weil es nicht genügend Nachfrage geben könnte, sieht sie ambivalent. Sie denkt, das habe einen anderen Grund. „Bei mir merken sie, ich mache das wirklich aus Liebe und weil es mein allergrößtes Hobby ist. Und ich denke, das merken mir alle Kunden an. Wenn man sein allergrößtes Hobby zum Beruf macht, dann wird es jeder merken, dann wird man auch Erfolg haben. Da bin ich mir ganz sicher“.

Die Sachen, die von ihr genäht werden, verkauft sie manchmal auch in ihrem Laden. „Vor allen Dingen sind es aber Muster zum Anschauen, an denen sich Kunden und Kursteilnehmer orientieren können, was in den Workshops hergestellt werden kann“ erklärt sie.

Um auf sich und ihr Angebot aufmerksam zu machen, inseriert Frau Dabrowski regelmäßig in einschlägigen Fachzeitschriften. Darüber hinaus ist sie im Internet vertreten – und das gleich auf mehreren Foren. „Tagespresse funktioniert nicht“ erklärt sie mir. „Die Leute lesen das einmal, dann werfen sie die Zeitung weg“. Die Werbung wäre für sie in diesem Bereich somit auch weggeworfenes Geld.
Frau Dabrowski hat sich bis heute einen verlässlichen Kundenstamm aufgebaut, der ziemlich groß und für ihre eigene Existenzsicherheit essentiell ist. „Was wir Patchworker noch mehr bräuchten, wären junge Frauen, die Spaß am Nähen haben. Davon gibt es noch zu wenig, obwohl man immer mehr beobachten kann, dass junge Mamis immer häufiger dazu übergehen zu nähen, wenn das Baby schläft“.

Über einen anderen Standort in Berlin, in einem hippen In-Bezirk, denkt sie überhaupt nicht nach. Zum einen, weil das für sie überhaupt nicht von Interesse ist und zum anderen, weil Patchworker grundsätzlich das Angebot vor allen Dingen aus dem Netz und aus einschlägigen Fachzeitschriften abfragen: „Und da sind wir für alle leicht zu finden“ erklärt sie. Darüber hinaus weiß Frau Dabrowski die vergleichsweise relativ niedrige Miete zu schätzen, die sie in einem angesagten Berliner Bezirk nicht zahlen könnte. Selbst im Vergleich zur Altstadt Spandau, die maximal zehn Fußminuten von ihrem Patch-It-Laden entfernt ist, ist die Miete bei ihr deutlich niedriger. „Darüber hinaus habe ich Parkplätze direkt vor der Tür. Der Kunde und auch ich müssen nicht weit laufen oder Parkplatzgebühren bezahlen, wie in der Altstadt. Diejenigen, die mit dem Bus kommen, brauchen nur ganz wenige Minuten von der Altstadt, bzw. dem Bahnhof Spandau bis hierher. Das ist perfekt. Die Autofahrer können hier immer in zweiter Spur stehen bleiben, die Nähmaschine und ihr weiteres Nähzubehör ausladen, wenn es mal keinen Parkplatz vor der Tür geben sollte. Das wäre so in der Altstadt niemals möglich“ erzählt sie begeistert.

„Dennoch“ bemerkt sie kritisch: „Obwohl das hier eigentlich eine C-Gegend ist, sind die meisten Mieten für Gewerberäume bei anderen Vermietern sehr hoch. Die C-Gegend spiegelt sich auch in einer hohen Arbeitslosigkeit der Menschen hier wieder. Wo soll also die Kaufkraft herkommen? Man muss ja die Fixkosten decken und noch genug Einnahmen erzielen, um sein Überleben zu sichern, das des Geschäfts und des privaten Lebens. Das ist ein großes Risiko für jemanden, der bei null anfängt. In dieser Hinsicht ist ein Umdenken der Vermieter dringend von Nöten“.

Menschen, die mit der Idee spielen, einen eigenen Laden zu eröffnen, würde sie empfehlen, zuallererst den Markt, den sie mit ihrem Angebot bedienen möchten, ausführlich zu recherchieren. „Man muss schauen, wie oft ist meine Idee schon da? Wo ist meine Idee? In der Nachbarschaft oder weiter weg. Dann muss man alles genau rechnen, mit Händlern sprechen, wie flexibel sie sind, ob sie Kommissionsware anbieten und Neueinsteigern auf diese Weise helfen. Darüber hinaus sollte man immer etwas Anfangskapital verfügbar haben, allein schon um die ersten Rechnungen zu bezahlen, denn die kommen ja 100 %ig und die Banken sind bekanntlich auch nicht gerade großzügig bei Selbständigen. Zusätzlich sollte man auch schauen, ob ein alteingesessenes Geschäft vielleicht zumacht. Nicht insolvent geht, sondern aus Altersgründen schließt. Geht ein Laden insolvent, dann ist es schlecht. Da weiß man, der Gewerbetreibende hat keinen Umsatz gemacht. Schließt ein Laden aber aus Altersgründen, dann ist das schon etwas anderes. Wenn das ein rentables Geschäft war, dann ist es manchmal auch gut, ihn zu übernehmen und weiterzuführen“. Ähnlich hat sie es selbst auch gemacht: „Damals habe ich ein Geschäft in Falkensee übernommen. Einen Hofladen für „Insider“.

Das Geschäft bestand schon zwei Jahre. Die Betreiberin wollte zurück in ihre Heimat und da schlich sich bei mir die Idee ein, den Laden zu übernehmen. Mein Mann stand damals zu 100 % hinter mir und unterstützt mich bei dieser Idee noch heute. Grundsätzlich ist es aber sehr, sehr wichtig, dass der eigene Partner einen vollumfänglich unterstützt. Man selbst ist ja dann weniger zu Hause und mehr im Laden. Und man muss wissen, als Selbstständiger hat man nie einen acht Stunden Tag. So etwas muss eine Beziehung unbedingt aushalten können“.

In der Straße, wo sie ihren eigenen Laden betreibt oder in der näheren Umgebung, würde sie sich vor allem eine vielfältigere Gewerbelandschaft wünschen. Einen Schuhmacher beispielsweise zur Ergänzung ihres Ladenangebots, weil er dann bestimmtes Taschenzubehör fest und sicher
annähen könnte, darüber hinaus ein Wollgeschäft, weil alle Patchworker auch gern stricken oder häkeln. „Da würde man sich bestimmt ergänzen und die Kunden hätten auch eine Anlaufstelle, wo vieles an einem Ort wäre und müssten nicht weite Strecken abfahren, um an entsprechendes Angebot zu gelangen“.

Visitenkarte
Patch-it
Falkenhagener Straße 21
13585 Berlin
Tel: 030-747 89 186
www.patch-it.de

Öffnungszeiten:
Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag
10.00-13.00 und 15.00-18.00 Uhr
Samstag: 10.00-13.00 Uhr
Mittwochs ist der Laden geschlossen

mein Tipp: Unikate unter Anleitung für WENIG Geld
selbst kreieren und alle damit neidisch
glücklich machen!


Einige wenige Restexemplare der kompletten Broschüre Gewerbetreibende in der Spandauer Neustadt: Erfolge und Erfahrungen von Gewerbetreibenden aus einem sich verändernden Berliner Kiez gibt es im Quartiersbüro, Kurstraße 5. Es ist auch als 'Book on Demand' im Online-Buchhandel erhältlich, ISBN-Nummer 978-3-7357-3437-2. Das Buchprojekt wurde gefördert im Rahmen des Aktionsfonds 2013 des Quartiersmanagements Spandauer Neustadt aus dem Programm Soziale Stadt.

Mariola Boensch