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Veranstaltungen und Termine

Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Pogromnacht vor 76 Jahren

Zur Erinnerung an die Pogromnacht, in der vom 9. auf den 10. November 1938 auch die Spandauer Synagoge durch Brandstiftung zerstört wurde, fand am 10. November um 10 Uhr am Mahnmal an der Sternbergpromenade (ehemals Grünanlage am Lindenufer), eine Gedenkveranstaltung mit VertreterInnen der Jüdischen und Evangelischen Gemeinde, VertreterInnen aus der Politik, den Konfirmanden der Wichern-Radeland-Gemeinde und vielen SpandauerInnen statt.

Rede von Bürgermeister Helmut Kleebank zum 9. November 2014

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Gestern vor 25 Jahren fiel die Berliner Mauer. Diese Mauer, die Teilung Deutschlands und der Eiserne Vorhang waren kein Zufall. Sie waren auch kein Unfall und keine Naturkatastrophe. Diese Mauer war das Ergebnis zweier Weltkriege. Das Ergebnis der NS-Diktatur, die in maßlosem Größenwahn und mit unmenschlicher Rücksichtslosigkeit Millionen von Menschen den Tod brachte.
Der Antisemitismus war dabei keine Randerscheinung sondern integraler Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie. Und heute gedenken wir hier der im Holocaust ermordeten Spandauer Juden, deren Namen, soweit sie uns bekannt sind, hinter mir in die Mauer des Mahnmals eingraviert sind.
Das alles ist doch eigentlich schon lange her. Im kommenden Mai sind es 70 Jahre, nach heutiger Lebenserwartung fast ein ganzes Menschenleben. Es gibt doch kaum noch jemanden, der persönlich Schuld in diesem Krieg oder durch eine Beteiligung am Holocaust Schuld auf sich geladen hat.
Und wenn ich so formuliere, merken Sie natürlich, worauf ich heute hinaus will.
Ist denn nicht eigentlich alles gesagt? Könnte man nicht so eine Art Schlussstrich ziehen? Oder in der Computersprache – die Reset-Taste drücken? Kann denn nicht endlich mal Schluss sein, mit dem ewigen Erinnern? Können wir den ganzen Quatsch der Nazis nicht einfach zu den Akten legen? Schließlich ist heute eine andere Zeit mit ganz anderen Problemen.
Derartige Argumente hört man in den letzten Jahren häufig. Nicht offiziell. Gelegentlich auch Schlimmeres.  Ich bin sicher, Sie spüren die Verharmlosung, die in solchen unscheinbar daherkommenden Fragen liegt. Und hoffentlich macht sich bei Ihnen Empörung breit, wenn Sie solche Sätze hören. Aber mit welchen Argumenten können wir Ihnen begegnen, was können wir entgegnen, wenn es uns eigentlich die Sprache verschlägt?
Richtig daran ist, niemand von uns trägt persönliche Schuld an den Verbrechen der Nazis. Niemand von uns war an der Deportation der deutschen, polnischen, russischen Juden persönlich beteiligt. Niemand von uns hat Kriegsverbrechen begangen. Niemand von uns hatte das Parteibuch der NSDAP.
Aber das ist eigentlich auch gar nicht die Frage, die Frage nach dem Erinnern ist nicht eine Frage persönlicher Schuld oder Unschuld.
Vielmehr erfordert dies eine Antwort auf die Gegenwart und auf die Zukunft hin gedacht. Es ist eigentlich die Frage: In welcher Gesellschaft möchten wir, in welcher Gesellschaft möchtest du leben?
Um eine Antwort zu finden, erinnern wir uns kurz an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte: Niemand konnte sich vor den Nazischergen sicher fühlen. Jeder konnte jederzeit denunziert, verhaftet, zusammengeschlagen, gefoltert, für Menschenversuche missbraucht, verstümmelt und ermordet werden. Angst war ein täglicher Begleiter. Wer anders dachte und es nicht für sich behielt, war in Gefahr. Keine unabhängigen Gerichte, Angeklagte und Verteidiger ohne Rechte. Paramilitärische Truppen, die keiner Kontrolle unterlagen.  Niemand zog sie für ihre Verbrechen zur Rechenschaft. Amtswillkür, Menschenverachtung an der Tagesordnung. Im Krieg Schießbefehl auf Zivilisten, Juden, Untermenschen. Auch der einfache Soldat konnte nicht sicher sein, nicht zu Kriegsverbrechen genötigt zu werden.
Und auch wenn man von den Kriegsumständen ab 1939 absieht: Wollen wir in solch einer Gesellschaft leben? Wollen wir die Angst als täglichen Begleiter? Wollen wir ohne Rechte dastehen, hilflos marodierenden Banden oder einer übermächtigen Staatsmacht ausgeliefert? Wollen wir uns täglich bedroht fühlen?
Ich denke, dass niemand hier in einer solchen, von mir gerade beschriebenen Gesellschaft leben möchte.
Wie ist es jetzt aber mit dem Schlussstrich und dem Erinnern an den Holocaust?
Ginge es nur um die Schuld von gestern, dann könnte man ihn tatsächlich ziehen.
Beim Erinnern und beim Gedenken geht es aber um etwas ganz anderes. Es geht also nicht allein um den Holocaust, es geht um die innere Struktur einer Gesellschaft und was sie mit ihren Bürgerinnen und Bürgern macht.
Wenn also jemand irgendwann wieder den Schlussstrich fordert, können Sie z. B. antworten:
Das Erinnern an das gestern ist wie eine Medizin für das Morgen.
Diese Medizin führt uns immer wieder zurück zu Demokratie, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Toleranz, Menschenfreundlichkeit, Sozialstaatlichkeit. Diese Medizin immunisiert uns gegen die Verlockungen der einfachen Lösungen. Und sie immunisiert gegen jede Art von Extremismus sei er nun politisch oder religiös motiviert.
1989 haben sich die Bürgerinnen und Bürger der DDR gewaltfrei aus der Diktatur befreit. Die Sehnsucht nach der Freiheit war stärker als die Angst. Und auch wenn es weitere Voraussetzungen gab – ich erinnere hier nur an Michail Gorbatschow und seine Politik Perestroika – so ist und bleibt das eine großartige Leistung.
Freiheit bedeutet aber auch immer Unsicherheit. Schon allein deshalb, weil nicht mehr andere für mich die Entscheidungen treffen, sondern weil es meine eigene Verantwortung ist. Viele Ostdeutsche haben diese Verunsicherung beim Übergang von der Diktatur in die Freiheit zu spüren bekommen.
Die Medizin des Erinnerns kann uns davor bewahren, aus Angst vor der Freiheit, in die Muster der Unfreiheit zurück zu fallen.
Vor wenigen Tagen lief der Film „Die Welle“ einmal mehr im Fernsehen. Junge Menschen, Schülerinnen und Schüler entdecken in sich den Fanatismus für eine Sache, mit der Bereitschaft, anders Denkende ins Abseits zu stellen, zu hassen, unter Druck zu setzen und Schlimmeres.
In welcher Gesellschaft wollen wir leben?
Lassen Sie uns die Medizin des Erinnerns immer wieder einnehmen und auch immer wieder austeilen. An alle, die das wünschen, und an die anderen erst recht.

Alle Fotos: S. Wahren